20.08.2021

Eine Soziologie des Radfahrens

Von Frank Malerius, GTAI Jakarta

Fahrradfahren galt bisher häufig als eine mitleidig beäugte Betätigung der Armen und Rückständigen. Doch die Zeiten ändern sich …

Gesellschaftliche Entwicklungen nehmen unerwartete Wege. Dass auf der achtspurigen Nord-Süd-Achse Jakartas jemals Fahrradwege entstehen würden, dagegen hätte der Korrespondent sein Hab und Gut verwettet. Denn im modernen Indonesien war Fahrradfahren bisher eine mitleidig beäugte Betätigung der Armen und Rückständigen, bestenfalls der spinnerten Exzentriker. Doch das in der Coronakrise verhängte Home-Office-Gebot hat Platz auf den Straßen geschaffen, der tatsächlich von Radlern vereinnahmt wird – Männern und Frauen, Jungen und Alten, Armen und Reichen. Autofahrer müssen ihnen bisweilen entgeistert Vorfahrt gewähren.

Eine andere Wette wäre hingegen gewonnen worden: Die, dass der Fahrradboom nicht in einer Verbrüderung der Besitzenden mit der breiten Masse mündet, in eine neue Ära gemeinschaftlicher Solidarität – sondern, er stattdessen die strenge Stratifizierung der indonesischen Gesellschaft zementiert. Vielleicht nur in einer etwas subtileren Art als im motorisierten Verkehr, wo der Mercedes Vorfahrt vor dem Honda hat (denn wer könnte bei einem Unfall Verkehrspolizisten oder Richter wohl eher von seiner Version überzeugen?).

Brompton als Wohlstandsmarker

Statussysmbol vieler indonesischer Radfahrer*innen: Falträder der britischen Edelmarke Brompton

Der Mercedes des Radlers ist das britische Edelfaltrad der Marke Brompton, um das geradezu ein Kult entstanden ist. Es kostet so viel wie ein passabler Gebrauchtwagen und dürfte Hauptgrund für die von der Regierung jüngst angehobenen Abgaben auf Importfahrräder sein. In der Londoner Brompton-Produktionsstätte reibt man sich verwundert die Augen, was für Preise in dem tropischen Inselreich bezahlt werden. Ein kürzlich in einem britischen Sozialprojekt gestohlenes Brompton tauchte Monate später wieder auf – natürlich in Indonesien. Das Brompton ist zu einem wichtigen Wohlstandsmarker am sonntagmorgendlichen Car Free Day in Jakarta geworden. Dort werden die neuesten High-End-Sondermodelle vorgeführt, der Titanlenker verziert mit Markentäschchen aus der First Class. Nur das Beste ist gut genug. Ein doppelter Espresso bei Starbucks und weiter geht’s. Mit der 6-Gang-Nabenschaltung wird das gemeine Volk ohne Seitenblick locker überflügelt.

Doch die Zurückgelassenen auf den heimisch produzierten Nachahmermodellen – darunter das vom Präsidenten angepriesene „Brompton aus Bandung“ – wissen sich zu wehren. Manche haben sich einen dem Originallogo nachempfundenen „Brompnot“-Sticker auf die Mittelstange geklebt, als selbstironischen Spott gegen die herrschende Klasse der Fahrradwelt (wenn man so will, eine indonesische Art des rheinischen Karnevals).

Wettbewerb um Aufmerksamkeit

Der Fahrrad-Boom nimmt bisweilen illustre Züge an: Bastler bauen kunstvolle Fantasie-Räder

Am autofreien Tag müssen sich Brompton-Besitzer einem lebhaften Wettbewerb um Aufmerksamkeit stellen, denn die sich entwickelnde Fahrradszene hat zahlreiche Peergroups hervorgebracht. Da sind die Bastler auf kunstvollen Fantasie-Bikes. Oder die Nostalgiker im traditionellen javanischen Zwirn mit Rädern aus der Kolonialzeit. Ihr Gegenpart ist die wachsende Fat-Bike-Community auf breitbereiften Chrommodellen. Größte Konkurrenz der Brompton-Fahrer um Sozialstatus sind aber die Rennradfahrer auf ihren sündhaft teuren Maschinen in glänzendem Designer-Outfit mit Spiegelvisier. Sie durchschneiden noch vor Sonnenaufgang in großen Gruppen die Straßen der Hauptstadt und sind der Blickfang der auf sie wartenden Fotografen.

In der medialen Berichterstattung hat aber das Brompton klar die Nase vorn. Nachdem eine Crew der staatlichen Fluglinie Garuda aus London neben einer in Einzelteile zerlegten Harley Davidson auch drei der Edelfalträder in der Kabine ins Land schmuggelte, musste der CEO gehen. Selbst die hochgeachtete Finanzministerin geriet zwischenzeitlich in den Verdacht, nach einer Auslandsreise unerlaubt eines eingeführt zu haben. Anderswo fungieren die Luxuszweiräder mittlerweile als Schmiergeld und werden nach Hausdurchsuchungen bei korruptionsverdächtigen Politikern der Presse als Beweismittel vorgeführt. Eine bessere PR könnte man sich in London nicht wünschen.

Ein Brompton Post bei Facebook sucht nach Antworten …