20.04.2020

Corona in Shanghai: Warten in der Zwangsquarantäne

Von Corinne Abele, GTAI Shanghai

Es ist Ende März 2020: In der Straße vor dem Fenster meiner Wohnung im 6. Stock eines 31stöckigen Hochhauses in Shanghai bilden sich wieder Autoschlangen: Nicht, weil alle Leute wieder normal arbeiten (die meisten Büros und Unternehmen fahren Schichten, um die Personaldichte am Arbeitsplatz zu reduzieren), sondern weil wer kann nicht mehr U-Bahn fährt. Der große Stau zwischen 7 und 8 Uhr morgens fällt allerdings bislang aus, da keine Schulbusse die Straße blockieren. Vergeblich warten wir noch auf ein Stück Normalität und darauf, dass die Schulen wieder öffnen. Tencent hat bereits ein neues Wechat-Miniprogramm herausgebracht, in das Schüler ihre Temperaturen und den Gesundheitszustand eintragen und Lehrer deren Datenverlauf tracken können – ähnlich dem bereits jetzt eingesetzten Gesundheits-QR-Code für Erwachsene. Wessen Code grün ist, der kann sich frei bewegen oder in die Schule gehen.

5.000 Euro für ein Flugticket

Mein Code und der meiner Jungs ist derzeit gelb: Wir sitzen im fünften Tag unserer 14tägigen Zwangsquarantäne Zuhause. Unsere Fiebertemperatur, die morgens und nachmittags von den Gesundheitsbeauftragten des hiesigen Nachbarschaftskomitees gemessen und dokumentiert wird, ist bislang normal. Jedes Mal sind wir froh – kein Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion. Bislang haben meine zwei Teenager Glück gehabt: Sie sind am 19. März alleine von Frankfurt nach Shanghai mit einer der wenigen Direktverbindungen geflogen. Die Tickets hatte ich sieben Tage vor Abflug für den fast doppelten Preis wie normal gekauft – direkt nach Ankündigung der Schule in Shanghai, möglicherweise im April wieder öffnen zu können. Wenige Tage später haben die Flugpreise bereits 5.000 Euro erreicht, denn hunderttausende in Europa lebende Auslandschinesen haben sich auf die Rückreise ins vermeintlich sicherere China gemacht.

Endlich wieder vereint: Corinne Abele mit ihren beiden Söhnen

Seit längerem bereits zählt China Deutschland zu den 24 Krisenländern, deren Reisende sich direkt nach Ankunft testen lassen müssen. Auch meine Jungs sind alleine durch die Teststrapazen gegangen: Erst 14 Stunden nach ihrer Landung wurden sie mir am nächsten Tag früh morgens um 4:30 Uhr von der Gesundheitsbeauftragten unseres Nachbarschaftskomitees (ausgestattet mit Maske und Schutzkleidung) in die Zwangsquarantäne Zuhause übergeben. Keiner von uns dreien hat in dieser Nacht ein Auge zugetan.

Gelber Sticker auf dem Pass

Geduldig haben die Jungs Flug, Warten, Testen und Warten hinter sich gebracht. Digital per Handy und auf Papier haben die beiden immer wieder Formulare ausgefüllt und Fragen nach Herkunftsland, Reiseländer und Gesundheitszustand beantwortet, bis sie einen gelben Sticker auf den Pass bekommen haben und damit als Risikogruppe eingestuft worden sind. Nach rund vier Stunden hat sie dann ein Spezialbus mit anderen Gelbe-Sticker-Trägern gemeinsam zum Testzentrum unseres Wohnbezirks gefahren, ein noch nicht in Betrieb genommenes Seniorenheim.

Dort wurde abends gegen 20 Uhr ein Mundhöhlenabstrich genommen. Dann hat das Warten in Liegestühlen begonnen, aufgestellt in großem Abstand. Die Räume waren sehr kalt, aber mit Stromversorgung (zum Aufladen der Handys und Computers); ohne Essen – aber mit einem ausgehändigten Notproviant. Alle total übernächtigt – Reisende wie Personal. Um 3 Uhr morgens wurden ihre Namen aufgerufen, das negative Testergebnis verkündet. Erleichterung bei ihnen im Zentrum und bei mir Zuhause.

Freundlich seien alle gewesen und hilfsbereit, haben mir meine Jungs danach berichtet: Zöllner, Busfahrer, Schwestern und Ärzte – trotz dieser Ausnahmesituation. Einige waren offensichtlich übernächtigt und müde. Andere haben direkt hinter den Befragungsständen in Liegen geschlafen. Shanghais Modell, direkt nach der Landung zu testen, hat inzwischen auch Beijing übernommen. Lückenlos sind so die Ankommenden und mögliche Infektionsketten nachzuverfolgen. Das Ineinandergreifen von Zoll, staatlichen Krankenhäusern, Beschlagnahmung staatlicher Einrichtungen als Testzentren oder Quarantänehotels und der Nachbarschaftskomitees macht diese wohl einmalige Einreisekontrolle möglich.

Das Warten auf den grünen QR-Code

Während ich diesen Text schreibe, hat mich gerade das für uns zuständige Krankenhaus angerufen. Eine Dame hat telefonisch unsere Adresse und Passnummern überprüft. Warum? Das konnte oder wollte sie mir nicht sagen. Noch 9 Tage ohne Fieber, dann dürfen wir unsere Wohnung wieder verlassen, bekommen einen grünen QR-Code und können uns wieder frei bewegen. Doch wo wir jetzt überall registriert sind – keine Ahnung.

Nachtrag: Gerade habe ich eine Wechat-Nachricht erhalten. Morgen wird wohl ein Sensor an unsere Haustür angebracht. Sobald wir diese künftig öffnen, erhält das Nachbarschaftskomitee direkt eine Mitteilung. Wahrscheinlich auch dann, wenn wir den Müll vor die Tür stellen.

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