27.03.2020

Corona in Taiwan: Unaufgeregt, freundlich, aber bestimmt

Von Alexander Hirschle, GTAI Taipei

Sonntagnachmittag in Taipei. Nach einem Besuch bei einem Kindergeburtstag steigt die Familie ins Taxi – öffentliche Verkehrsmittel vermeidet man noch immer so weit wie möglich und Taxis sind in Taiwan recht günstig. Alle – Frau, Kinder und ich haben Masken auf. Der Fahrer grüßt freundlich wie meist in Taiwan. Nach einigen Minuten reicht er mir eine zusätzliche Schutzmaske. Lachend sagt er „Taiwan Number One!“ ohne jedoch dabei überheblich oder unangenehm zu klingen.

Die Szene ist symptomatisch. Erstens für die ungeheure Freundlichkeit der Taiwaner. Diese ist ein gewichtiger Grund dafür, dass die Insel in vielen Expat-Rankings der beliebtesten Standorte weltweit unter den ersten drei Plätzen auftaucht. Zweitens für das gestiegene Selbstbewusstsein, dass die Einwohner im Zuge der Corona-Krise getankt haben. Denn das Land wurde für das Krisen-Management weltweit als vorbildlich gelobt. Internationale Gazetten, renommierte Experten und zahlreiche Facebook-Posts wiesen auf das professionelle Vorgehen der Regierung hin, das die Ausbreitung des Virus von Anfang an mit gut organisierten Gegenmaßnahmen in Grenzen hielt.

Bescheiden und wenige Hang zu Protz

Die Insel steht sonst eher weniger im Mittelpunkt, viele Westler verwechseln Taiwan gerne mal mit Thailand und die vielen erfolgreichen Firmen des Landes sind eher unbekannt. Sie haben keine großen Namen. Sie bewegen sich nicht in der ersten Reihe der großen Marken, sondern in der zweiten Zulieferposition. Aber hier durchaus erfolgreich, mit großer Flexibilität und riesigen globalen Marktanteilen vor allem im Elektronikbereich. Wer ein Apple-Smartphone in der Hand hat, nutzt automatisch zahlreiche Komponenten „Made in Taiwan“.

Wie die Industrie, so gilt auch der Taiwaner als eher bescheiden. Protzen oder lautes Zurschaustellen eigener Errungenschaften ist nicht das Ding der Einwohner. Was sie so sympathisch macht. Unaufgeregt, freundlich, aber bestimmt – so erlebt man im Regelfall Taiwaner und genau so war auch der Umgang mit der Corona-Herausforderungen. Schon als die ersten Meldungen aus China kamen, wurde schnell reagiert.

Man konnte dabei auf gut aufgesetzte Strukturen zurückgreifen, die nach dem Sars-Ausbruch 2002 hochgezogen worden waren. Schulen und Universitäten wurden geschlossen, die Landesgrenzen nach China dicht gemacht und für Einreisen aus anderen gefährdeten Ländern. Informationen wurden transparent und tagesaktuell übermittelt, Messen und größere Events frühzeitig verschoben. Pflegepersonal in Krankenhäusern musste von Auslandsreisen absehen, die Produktion von Schutzmasken um 150 Prozent innerhalb von zwei Monaten nach oben gefahren. Desinfektionsmittel stehen fast überall bereit und werden auch intensiv genutzt.

Taiwanisches Sicherheitspersonal – „bewaffnet“ mit Thermometer und Desinfektionsspray

Große Unterstützung in der Bevölkerung

Die Maßnahmen stießen auf große Unterstützung und Verständnis in der Bevölkerung. Vom ersten Tag des Ausbruchs an tragen in öffentlichen Verkehrsmitteln 99 Prozent der Passagiere Masken – nicht nur um sich, sondern auch um andere zu schützen. Unaufgeregt, freundlich aber bestimmt. Dass auch letzteres nicht zu unterschätzen ist, zeigen jüngere Pressemeldungen. Eine Person, die sich nicht an die vorgegebene Quarantänevorschriften gehalten hatte, wurde zu einer Strafe von 30.000 US$ verdonnert. Das tut weh. Die wenigen Ausnahmen, die sich nicht durch den sanften, aber hohen sozialen Druck zu entsprechendem Verhalten animieren lassen, werden dann eben so Kurs gebracht.

Auch als westlicher Gast in diesem tollen Land durchläuft man einen Transformations- und Lernprozess. Zunächst belächelt man noch die vermeintlich panische Reaktion der Einheimischen mit Maskentragen und Desinfektion, die Angst vor Ansteckung. Dann passt man sich an, um nicht unangenehm aufzufallen.  Und dann versteht man es – spätestens in den letzten Tagen als die Horrornachrichten aus allen Teilen der Welt eingingen. Das Ergebnis in Taiwan hingegen kann sich sehen lassen. Die Schulen wurden wieder geöffnet, der Alltag geht gedämpft, aber größtenteils in normalen Bahnen weiter.

Angst vor der „Zweiten Welle“

Doch während des Schreibens des Blog-Beitrags änderte sich die Lage bereits wieder. In diesen Zeiten gilt die Zeile von gestern nur noch wenig. Denn innerhalb von wenigen Tagen hat sich die Zahl der Infizierten in Taiwan von zuvor stabilen 50 auf mittlerweile 100 verdoppelt. Dies ist zwar im internationalen Vergleich niedrig. Doch die Nervosität steigt, Einreisen von Ausländern sind komplett untersagt worden (bis auf solche mit Aufenthaltsgenehmigung). Die Schulen werden wohl wieder geschlossen.

Hintergrund dieser „zweiten Welle“ sind dieses Mal rückkehrende Taiwaner – von Reisen oder von ihren Auslandsaufenthalten als Expats oder Ausgewanderte, da sie sich in den USA oder Europa nicht mehr sicher fühlen wegen Corona. Eine seltsame Ironie. Taiwan hat zwar die erste Welle aus dem nahen China abwehren können, muss jetzt aber die über einen Umweg aufgebaute zweite Woge abwehren. Aber derzeit bin ich noch zuversichtlich, dass die taiwanische Erfolgsformel (Sie wissen schon…) auch dieses Mal wieder die Dinge in den Griff bekommen wird.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Als der Taxifahrer fragt, woher wir kommen und ich mit „Deutschland“ antworte, schiebe ich – um ihn zu beruhigen – hinterher „ aber ich lebe in Taiwan und war schon länger nicht mehr dort…“ Doch er lächelt nur weiter und schiebt noch Masken für Frau und Kinder hinterher.